Erfahrungsbericht

Abwarten ist keine Strategie

Porträt von Ivo Veith

Ivo Veith

KI-Einführung Veränderungsmanagement Führung Digitale Transformation

Ich habe mehrfach miterlebt, wie die Einführung digitaler Werkzeuge beinahe gescheitert ist, und das Muster war fast immer dasselbe. Zuerst kam ein jahrelanger Entscheidungsprozess, denn man wollte nichts falsch machen. Irgendwann stand ein Termin für den Roll-out fest. Die Belegschaft wurde in klassischen Workshops geschult und war danach weitgehend auf sich gestellt. Das Wissen kam im Alltag kaum an, Hilfe war schwer zu bekommen, und die Bereitschaft, sich mit den neuen Werkzeugen auseinanderzusetzen, sank entsprechend.

Rückblickend sehe ich drei Ursachen. Erstens wurden die Menschen im Übergang zu wenig mitgenommen. William Bridges unterscheidet zwischen dem Wandel, der an einem Stichtag eintritt, und dem inneren Übergang, den Menschen durchlaufen: Sie müssen Altes loslassen, eine unsichere Zwischenphase aushalten und können erst dann das Neue annehmen. Ein Roll-out-Termin regelt nur den äusseren Teil. Zweitens fehlte eine Struktur, die das Lernen im Arbeitsalltag unterstützt, also Lernangebote, die unabhängig von Zeit und Ort verfügbar sind und sich dem einzelnen Menschen anpassen. Drittens kamen die Entscheide von oben, und unten hatte man zu folgen. Wer nicht beteiligt war, fühlt sich für das Ergebnis selten verantwortlich.

Hinter diesen Erfahrungen steht eine grössere Fehleinschätzung. Viele betrachten die digitale Transformation und mit ihr die künstliche Intelligenz vor allem als technische Frage. Der blinde Fleck liegt woanders: Mit der Technik hat sich auch die Gesellschaft gewandelt. Menschen stellen heute andere Ansprüche an ihren Arbeitgeber, an ihr Umfeld und an ihr Leben als Ganzes. Wer das nicht wahrnimmt, führt neue Werkzeuge mit alten Methoden ein und wundert sich über den Widerstand.

Mit KI nimmt dieser Umbruch erst richtig Fahrt auf. Das Tempo und die Flut widersprüchlicher Signale verunsichern, und manche Führungskräfte verharren lieber, als sich zu bewegen. Abwarten ist allerdings keine Strategie, kopfloser Aktionismus ebenso wenig. Mir hilft eine Regel aus der Nothilfe: Schauen, denken, handeln. Wer am Unfallort steht, macht nur einen Fehler mit Sicherheit, nämlich nichts zu tun.

Wer sich jetzt ernsthaft und mit Bedacht mit diesen Entwicklungen auseinandersetzt, schafft die Grundlage, um auch mittel- und langfristig erfolgreich zu wirtschaften. In vielen Unternehmen meines Umfelds herrscht noch «Business as usual». Trotzdem bleibe ich Optimist. Ich bin überzeugt, dass viele die Kurve kriegen werden, die einen früher, die anderen später.

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